Fehlprägung und Fehlernährung bei der Aufzucht von Wildtieren

 

Ein hilfloses Jungtier aufzunehmen, erscheint zunächst wie gelebter Tierschutz. Doch bei Wildtieren entscheidet nicht allein das Überleben während der Pflege, sondern vor allem die Frage, ob das Tier anschließend wieder „wildbahntauglich“ ist. Unsachgemäße Handaufzucht kann genau das verhindern und aus gut gemeinter Hilfe wird eine dauerhafte Beeinträchtigung.

ANM.: „Liebe Amateurretter, ihr braucht uns keine Stories über die Tiere zu erzählen. Wir erkennen sofort, was mit dem Tier los ist.“

Besonders bei Eulen, Falken, Greifen ist die Aufzucht hochkomplex. Nicht nur Nahrung und Wärme sind wichtig, auch ihrer Entwicklung arttypische Verhaltensweisen: die eigene Art erkennen, natürliche Nahrung identifizieren, Beute verfolgen und ergreifen, Gefahren wahrnehmen, geeignete Schlaf- und Ruheplätze finden, den Menschen meiden und mit den Umweltbedingungen zurechtkommen.

Eine der gravierendsten Folgen unsachgemäßer Handaufzucht ist die Prägung beziehungsweise Fehlprägung auf den Menschen. Gerade während sensibler Entwicklungsphasen kann ein Jungtier den Menschen als vermeintlichen Sozialpartner, Elternersatz oder sogar als Bezugspunkt für sein eigenes Sozialverhalten übernehmen.

Bei einem später auszuwildernden Wildtier ist das fatal. Ein Tier, welches Menschen nicht als Gefahr wahrnimmt, besitzt keinen entscheidenden Schutzmechanismus mehr. Rehabilitationsstandards verlangen deshalb ausdrücklich, menschliche Fehlprägung zu verhindern. Für Greifvögel gilt dies in besonderem Maße: Menschlich fehlgeprägte Tiere können nicht nur selbst gefährdet sein, sondern unter Umständen auch Menschen gegenüber aggressives oder territoriales Verhalten zeigen.

Deshalb sollte die Aufzucht möglichst artgerecht, reizarm und mit minimalem direkten Menschenkontakt erfolgen. Wo möglich sind gleichaltrige Artgenossen oder geeignete artspezifische Ammen von großer Bedeutung. Das Ziel lautet nicht, ein zahmes und zutrauliches Tier zu schaffen, sondern ein möglichst wild gebliebenes Tier.

 

Wildtierernährung ist weit mehr als „satt werden“.

 

Die meisten Greife sind Nahrungsgeneralisten. Das sind Arten, die ein sehr breites Nahrungsspektrum nutzen und sich nicht nur auf eine bestimmte Beutetiergruppe spezialisiert haben.

Die wesentlichen Merkmale für ein breites Beutespektrum (Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten oder Aas), sind ein extrem anpassungsfähiges Verhalten zum Erschließen von Nahrung, unterschiedliche Jagdtechniken (Ansitzjagd, Suchflug, Stoßflug), erschließen von Nahrung in variablen Lebensräumen (Gebirge, Flachland, Wald, Feld, Stadt, Gewässer) sowie ein weites Verbreitungsgebiet.

Daher passieren die häufigsten Fehler bei artgerechter Ernährung. Greifvögel benötigen keine beliebige Nahrung, die lediglich Kalorien liefert, keinen Nahrungsersatz der Humanernährung. Die Nahrung muss hinsichtlich Proteinqualität, Energiegehalt, Calcium-Phosphor-Verhältnis, Vitaminen, Spurenelementen und weiterer Nährstoffe an Art, Alter und Entwicklungsphase angepasst sein.

Bei Greifvögeln ist beispielsweise eine ausschließlich oder überwiegend aus Muskelstücken (Rind, Huhn) bestehende Fütterung problematisch, weil dadurch wichtige Bestandteile der natürlichen Beute fehlen.

Besonders kritisch: das Verhältnis von Calcium, Phosphor und Vitamin D₃. Eine Unterversorgung oder ein Ungleichgewicht kann bei wachsenden Greifen zu Störungen der Knochenmineralisation, Rachitis und anderen Formen metabolischer Knochenerkrankungen führen. Das Problem ist: Ein Tier kann äußerlich zunächst gesund erscheinen, während sich im Körper bereits gravierende Entwicklungsstörungen entwickeln. Ein Jungvogel kann zunehmen und trotzdem muskulär, skeletär oder neurologisch nicht ausreichend entwickelt sein. Falsche Ernährung während des Wachstums kann die Knochenentwicklung, Muskelbildung, Federqualität, Immunfunktion und allgemeine Belastbarkeit beeinträchtigen.

Bei Greifvögeln ist das folgenschwer, weil erfolgreiche Jagd enorme Anforderungen an Flugmuskulatur, Skelett, Sehvermögen, Koordination und Reaktionsfähigkeit stellt. Dabei gilt auch: Überversorgung kann ebenso problematisch sein wie ein Mangel. Entscheidend ist die physiologisch passende Gesamtration.

 

Auswildern bedeutet nicht, das Tier einfach freizulassen.

 

Der Maßstab einer erfolgreichen Rehabilitation ist nicht: „Der Vogel kann fliegen.“ Die Frage lautet: „Kann es in der Natur dauerhaft überleben?“ Dazu gehören körperliche Kondition, normale Flugleistung, intakte Sinne, funktionstüchtiges Gefieder, artspezifisches Verhalten, selbstständige Nahrungsaufnahme beziehungsweise Jagdfähigkeit, angemessene Reaktion auf Gefahren und ausreichende Distanz zum Menschen. Ein Tier, das seine natürliche Scheu vor Menschen verloren hat, soll/kann demnach nicht ausgewildert werden. Fachkundige Wildvogelpflege ist deshalb keine Frage des guten Willens.

Wildvogelpflege ist etwas grundlegend anderes als die Haltung eines Haustieres. Ein Mensch kann ein Wildtier liebevoll versorgen und ihm dennoch unbewusst genau jene Eigenschaften nehmen, die es später zum Überleben braucht. Zu viel menschliche Nähe kann zur Fehlprägung führen. Eine falsche Ernährung kann den Körper irreversibel schädigen. Fehlende Möglichkeiten zum Erlernen natürlicher Verhaltensweisen können dazu führen, dass ein körperlich scheinbar gesundes Tier draußen verhungert, verletzt wird oder selbst zur Gefahr (z.B. „Problemfuchs“) wird.

Professionelle Wildtierrehabilitation bedeutet daher, das Tier nicht an den Menschen zu binden, sondern seine Wildheit zu bewahren. Ernährung, Haltung, Sozialkontakte, Beschäftigung, Flug- und Jagdtraining, medizinische Versorgung und die Vorbereitung auf die Auswilderung müssen abgestimmt sein.

Das oberste Ziel darf nicht sein, ein Tier lange am Leben zu erhalten. Das Ziel muss sein, ihm – soweit biologisch und medizinisch möglich – die Fähigkeiten für ein selbstständiges Leben in freier Wildbahn zurückzugeben. Wer ein Wildtier wirklich schützen will, muss deshalb auch erkennen können, wann Hilfe durch einen erfahrenen Wildtierpfleger, eine spezialisierte Pflegestation oder einen vogelkundigen Tierarzt notwendig wird. Die internationalen Standards der Wildtierrehabilitation verstehen fachgerechte Versorgung ausdrücklich als professionelles Tätigkeitsfeld und stellen Gesundheit, Verhalten, Ernährung und langfristige Überlebensfähigkeit in den Mittelpunkt.

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